Ein Wort in Gottes Ohr

Evangelische Gemeinde in Sipplingen am Bodensee lockt Besucher mit „Hörspielkirche“

Quelle: Kirchengemeinde Sipplingen

Wenn man Pfarrer Dirk Boch fragt, wie es in seiner Kirche den Sommer über aussehen wird, dann antwortet er nicht einfach – er demonstriert es: Sämtliche Bilder nimmt er von der Wand, seien es solche seiner Kirche oder Fotos von Gemeindemitgliedern, er räumt einen Gummibaum aus dem Weg – und er zündet Kerzen an. „Licht von außen wird dann nicht mehr hereinkommen, wir hängen noch einen Vorhang auf. Viel mehr wird es nicht zu sehen geben. Unsere Idee ist ja, dass es etwas zu hören gibt und nicht zu gucken“, sagt er.

Stühle, Altar, Kerzenlicht. Ab dem 30. Juni wird die Jakobuskirche in Sipplingen am Bodensee auf das Wesentliche reduziert sein – und das fast den ganzen Sommer lang. „Hörspielkirche“ nennt sich das Projekt, mit dem die Evangelische Gemeinde Ludwigshafen am Bodensee bis zum 9. September Menschen in eine ihrer Kirche locken will. Geboten werden vier Hörspiele am Tag, los geht es immer um 14 Uhr mit einer Vorführung für Kinder, zwei Stunden später folgt eine für Jugendliche, der Abend gehört den Älteren. Der Eintritt ist frei, allerdings bittet die Gemeinde um Spenden.

Insgesamt hat sich die Gemeinde die Vorführrechte an 55 unterschiedlichen Stücken gesichert, die sie komplett im Zweiwochenrhythmus wiederholt. Winnetou gehört dazu, Ronja Räubertochter, ebenso vertonte Literatur-Klassiker wie Thomas Manns „Lotte in Weimar“ - oder auch experimentelle Stücke wie etwa Christoph Schlingensiefs „Rosebud“. „Wir wenden uns mit der Hörspielkirche an Besucher ab vier Jahren bis ins hohe Alter hinein“, sagt Projektleiterin Katja Stepper. Dabei habe man auch im Blick, dass man sich in einer Urlaubsregion befinde. „Natürlich wollen wir auch Einheimische erreichen. Aber wir wenden uns ganz bewusst an Urlauber – an Menschen, die Zeit haben“, sagt Stepper. Vor allem bei schlechtem Wetter will man gerade für Familien eine Alternative sein. „Machen Sie mal hier in der Region bei Regen einen Familienausflug. Da ist man normalerweise schnell einen Hunderter los.“

Ganz neu ist die Idee einer Hörspielkirche nicht: Im Brandenburgischen Federow werden seit 2005 jeden Sommer Stücke aufgeführt. Pfarrer Dirk Boch und Projektleiterin Katja Stepper waren selbst einmal da – und begeistert. „Man ist in einer Kirche weit weg von der Atmosphäre des Alltags. Dadurch wird man viel hörbereiter“, findet Boch. Das Hörerlebnis werde so viel tiefer und nachhaltiger. Diese besondere Atmosphäre wollen die Veranstalter auch kirchenfernen Besuchern nahebringen – mehr nicht. „Das ist ein kirchliches Projekt, aber kein missionarisches. Wir wollen, dass die Menschen eine Kirche als etwas wahrnehmen, das zum Alltag gehört und in der man gemeinsam etwas erleben kann“, sagt Dirk Boch. Ähnlich sieht das auch die Landeskirche, die das Projekt aus ihrem Kirchenkompass-Fonds in den nächsten drei Jahren mit insgesamt 25.000 Euro fördert.

Es geht aber nicht nur um Werbung für die Kirche – mit der drastischen Reduktion hofft Boch auch, die Kulturtechnik des Zuhörens ein Stück weit rehabilitieren zu können. „Wir sind ja vor allem gewöhnt an schnelle Bildfolgen. Dabei beschäftigen wir uns immer weniger damit, dass man die Dinge auch tiefer betrachten kann.“, sagt Dirk Boch und räumt ein, dass er das Phänomen auch von sich selbst kennt: „Wenn ich mir am Sonntag einen Tatort ansehe, habe ich zwei Tage später schon  vergessen, worum es ging.“ Diesem Trend will er mit der Hörspielkirche etwas entgegenwirken. Langsam soll sie sein und Zeit geben, Zeit lassen – denn darauf komme es an. „Wenn man einen Menschen richtig loben will, sagt man ja auch: 'Der kann zuhören'“, sagt Dirk Boch.

Sebastian Stoll

 
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